Das Orangenbeispiel.

Herr O, Besitzer einer Orangenplantage, verkauft seine in diesem Jahr ungewöhnlich knappe Ernte. Er möchte weder seinen langjährigen Geschäftspartner Frau A noch seinen ebenfalls guten Kunden Herrn B verärgern. Beide erklären Herrn O, nur mit der gesamten Ernte Ihre Anlagen auslasten und sich nicht anderweitig mit Orangen eindecken zu können. Frau A und Herr B holen Rechtsrat ein und berufen sich auf jeweils bestehende Lieferverpflichtungen. Sie erhöhen den Druck auf Herrn O.

Nachdem alle Seiten diverse Gutachten und rechtliche Stellungnahmen eingeholt haben eskaliert der Streit und alle Beteiligten greifen sich nun auch auf persönlicher Ebene an. Es werden intensive gerichtliche Auseinandersetzungen geführt mit dem Ergebnis, dass sowohl Frau A als auch Herr B die Hälfte der Ernte des Herrn O erhalten. Eine salomonische und "faire" Lösung aus Sicht der Richter, die die Rechtspositionen von Frau A und Herrn B gleichwertig einschätzen. Dennoch sind beide Parteien unzufrieden. Zudem ist die persönliche Ebene zu Herrn O massiv beschädigt.

 

Hätte man sich auf die Frage konzentriert, warum sowohl Frau A als auch Herr B alle Orangen benötigen, wären alle Beteiligten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu folgender Erkenntnis gelangt:

 

Frau A: „Ich brauche die Schale, weil ich hieraus Pulver zur industriellen Verwendung herstelle.“

Herr B: „Ich brauche die Frucht, weil ich einen Orangensaft herstelle.“

 

Man hätte sich nun sehr einfach darauf einigen können, dass Frau A die Orangenschalen erhält und Herr B das Fruchtfleisch, was die optimale Lösung für alle drei Unternehmen darstellt. Eine klassische Win-Win-Situation.

 

Dieses Beispiel zeigt natürlich eine stark vereinfachte Optimallösung auf, offenbart jedoch eingängig das Ziel der Mediation: Die Parteien werden selbst dazu gebracht darüber nachzudenken, warum ihnen ihre eigene Position im Konflikt so wichtig ist. Sie überdenken ihre Standpunkte und die Motivation dahinter.

So kommen die Konfliktparteien über Ihre eigentlichen Beweggründe wieder miteinander ins Gespräch, die sehr oft für alle anderen Beteiligten gut nachvollziehbar sind und sich häufig mit den eigenen Ansätzen decken. Die Konfliktparteien nähern sich wieder einander an. Auf dieser Grundlage kann ein echtes Verständnis füreinander erwachsen, welches eine belastbare Basis für die Entwicklung von nachhaltigen und tragbaren Lösungen, bei sowohl normalen als auch schwerwiegenden Konfliktsituationen, darstellt.